Die Migräne, altgriechisch hēmikrānía. Ein „halbschädliger“ Schmerz – von hēmi, halb, und kraníon, Hirnschale. Die DMKG spricht von 350.000 Migräneanfällen täglich in Deutschland. Das Krankheitsbild ist vielgestaltig, mit und ohne Aura. Typischerweise ist es periodisch wiederkehrend, anfallartig, pulsierend und gerne auch von zusätzlichen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Geräuschempfindlichkeit etc. begleitet.

Migräne-Therapie

Klassisch zur Akutbehandlung: Schmerzmittel aus der Gruppe der nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR). Paracetamol und Mittel gegen Übelkeit. Außerdem spezielle Migränemedikamente (Triptane und Ergotamine). Verbunden mit Ruhe, abgedunkelten Räumen, Pfefferminzöleinreibungen oder autogenem Training. Jeder Migräne-Patient hat hier seine passende (Begleit)Therapie.

Was aber kann man prophylaktisch tun? Um die Schwere der Migräne-Attacken zu senken? Attacken ganz zu vermeiden? Antiepileptika, Calciumantagonisten, Betablocker…. Nichtmedikamentös: Akupunktur, Yoga, autogenes Training, Ausdauersport, Biofeedback. Und:

Die Neurostimulation Neurostimulation zur Migräne-Therapie-HealthcareHeidie-02

Studien belegen, dass die elektrische Nervenstimulation durchaus eine wirksame Option im Rahmen einer Migräne-Therapie sein kann. Prophylaktisch oder im Akutzustand. Denn die Neurostimulation manipuliert im zentralen und peripheren Nervensystem die Nerven, die direkt oder indirekt an der Schmerzverarbeitung beteiligt sind.

Verschiedene Systeme – Verschiedene Methoden – Verschiedene Nerven

Die Systeme zur Neurostimulation sind unterschiedlich und gliedern sich in invasive und nicht-invasive Ansätze. Ihnen allen liegt zugrunde, dass über Elektroden schwache Stromimpulse gezielt an Nerven abgegeben werden, um so deren Aktivität zu verändern. Auf diese Weise lassen sich Migräne-Episoden oder auch die Schmerzintensität reduzieren. Welche Nerven stimuliert werden, hängt vom Verfahren ab.

Die Stimulation des Nervus occipitalis major ist z. B. eine invasive Methode, bei der ein Gerät in den Brust- oder Gesäßmuskel implantiert wird. Das wiederum sendet über ein Kabel Impulse an Elektroden, die im Nacken des Patienten subkutan platziert sind. Diese stimulieren kontinuierlich den großen Hinterhauptnerv.

Ein anderes, invasives Verfahren stimuliert den Nervenknoten im Gesicht, der Nervenfasern zu Auge und Nase leitet: der Ganglion sphenopalatinum. Aktuelle Ergebnisse einer randomisierten, kontrollierten Pathway-CH1-Studie belegen, dass zweidrittel der Patienten von einer Attackenkupierung profitieren. Erste Langzeitdaten belegen außerdem einen Rückgang der Attackenfrequenz1.

Nicht-invasive Methoden

Eine doppelblinde, plazebokontrollierte Studie von Schoenen J. et. al zeigt, dass auch eine nicht-invasive, oberflächliche Stimulation der Nerven zur Migräne-Behandlung effektiv sein kann. Die Stimulation des Nervus supraorbitalis innerviert die Stirngegend und reduziert signifikant die Anfallshäufigkeit2. Die Behandlung kann zuhause durchgeführt werden. Ein Reif mit Elektroden wird wie ein Stirnband auf die Stirn gezogen und ist mit einem Gerät, über welches die Impulse gesteuert werden, verbunden.

Eine weitere, nicht-invasive Methode ist die Stimulation des Vagusnerv. Er ist der größte Nerv des Parasympathikus und reguliert die Tätigkeit fast aller inneren Organe. Er verläuft vom Gehirn über den Hals bis in den Bauchraum. Studiendaten deuten darauf hin, dass die Vagusstimulation bei Migräne und Clusterkopfschmerz wirksam ist3. Das zur Stimulation verwendete Gerät wird an den Hals angelegt, die Stimulationsstärke so eingestellt, dass der Anwender eine moderate Muskelkontraktion verspürt.

Über den Einsatz des Gerätes gammaCoreTM zur Vagusnervstimulation habe ich bereits Ende 2017 berichtet4. Die zweite Generation des gammaCoreTM wird inzwischen über das Unternehmen electroCoreTM vertrieben.

Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Bonn5

Mein Fazit

Ob eine invasive oder nicht-invasive Behandlung eine geeignete Behandlungsmethode ist, sollte grundsätzlich ein Facharzt entscheiden. Meines Erachtens sollte nicht-invasiven Methoden der Vorzug gegeben werden. Eingriffe in den Körper, wie Implantationen, sind immer mit Risiken behaftet und belasten den Körper zusätzlich. So kann es z.  B. zu Verletzungen von Nerven und Gefäßen kommen, das Implantat kann sich verschieben, die Wunde entzünden.

Experten beurteilen die transkutanen Verfahren als vielversprechend. Leider ist die wissenschaftliche Evidenz hier aber immer noch nicht gut. Die nicht-invasiven Systeme sind i.d.R. alle einfach in der Anwendung, die Kosten übersichtlich und die Behandlung praktisch schmerzfrei; und, im Vergleich zur medikamentösen bzw. invasiven Therapie, nebenwirkungsarm. Dennoch: Stimulationsverfahren sollten grundsätzlich nicht auf eigene Faust angewendet werden. Auch gibt es Personengruppen, bei denen eine Neurostimulation über elektrische Impulse nicht angezeigt ist, wie z.B. bei Menschen mit Herzschrittmacher oder Menschen mit Epilepsie.

Bleibt noch die Frage nach den Kosten. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in der Regel die Therapiekosten, wenn bisherige Behandlungsmethoden erfolglos blieben. Privatpatienten sollten die Kostenübernahme im Vorfeld mit ihrer Kasse abklären.

1 Böger A, Terheyden H. Schmerzmedizin 2017; 33: 27–31

2 Schönen J. et.al, Neurology. 2013 Feb 19;80(8):697-704. doi: 10.1212/WNL.0b013e3182825055. Epub 2013 Feb 6.

3 The Journal of Headache and Pain / PRESTO study

4 http://www.healthcareheidi.de/2017/11/10/lindert-nervenstimulation-am-hals-migraene-anzeige/

5 Universität Bonn „Von außen Migräne abschalten

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