Atemdepression als Folge einer Opiatüberdosierung kann lebensgefährlich sein. Second Chance ist eine App, die Todesfälle verhindern soll.

Hintergrund

Unter dem Oberbegriff „Opioide“ werden sowohl Opiate als auch halb- oder vollsynthetisch hergestellte Substanzen mit morphinähnlicher Wirkung zusammengefasst.

Opioide haben ein hohes Abhängigkeitspotenzial. Bereits wenige Stunden nach dem letzten Konsum kommt es bei Abhängigen zu Entzugserscheinungen. Eine aktuelle Studie schätzt die Zahl der Opioidabhängigen in Deutschland auf etwa 166.000, davon ca. 42.000 Frauen und ca. 124.000 Männer. Überdosierungen sind ein häufiges Problem im Zusammenhang mit dem Konsum von Opioiden. Etwa zwei Drittel der tödlichen Überdosierungen lassen sich auf opioidhaltige Substanzen zurückführen. Dabei könnten die meisten Todesfälle durch die Gabe von Naloxon (ein Wirkstoff, der die Opiatwirkung aufheben kann) oder eine Beatmung verhindert werden. Das setzt allerdings voraus, dass eine Überdosierung auch erkannt wird. Das Problem ist, dass die Drogenkonsumenten bei der Überdosierung in der Regel allein oder von Menschen umgeben sind, die keine Erste Hilfe leisten können.[1]

Second Chance als Lösung

In den USA sterben jeden Tag 115 Menschen an einer Opiatüberdosierung. Das hat US-Ingenieure dazu veranlasst eine App zu entwickeln, die eine Atemdepression bei Opiat­anwendern erkennt und automatisch einen Notruf sendet.

Wie funktioniert Second Chance?

Die App muss vor dem Drogenkonsum gestartet werden. Die Software nutzt dann den Lautsprecher und das Mikrophon des Smartphone. Die App kann dann über ein ganz spezielles Radar (ein sog. Dauerstrichradar / „frequency modulated continuous wave radar“) auch minimale Veränderungen einer Distanz, wie sie bei Atembewegungen auftritt, messen. Daraus errechnet die App die Atemfrequenz. Bei Unterschreitung einer bestimmten Grenze sendet sie eine Nachricht an eine definierte Person.

Wie gut ist Second Chance?

In einer Studie, an der 194 Drogenkonsumenten teilnahmen, wurde die App in einem Drogenkonsumraum getestet. Dabei stellten die Konsumenten ein handelsübliches Smartphone vor sich auf den Tisch, während sie ihre Drogen (Heroin, Fentanyl oder Morphin/Hydromorphon) injizierten. Die Konsumenten trugen dabei Impedanzmonitore, die die Bewegungen des Brustkorbs aufzeichneten.

Die Ergebnisse:

Bei etwa der Hälfte der Teilnehmer registrierte der Impedanzmonitor eine klinisch relevante Atemdepression (7 oder weniger Atemzüge pro Minute) oder eine Apnoe (Atemstillstand für 10 Sekunden oder länger), einige wenige Drogenkonsumenten benötigten medizinische Hilfe.

Die Second Chance erkannte Apnoe-Ereignisse mit einer Sensitivität von 96 % und einer Spezifität von 98 %. Atemdepression identifizierte sie mit einer Sensitivität von 87 % und einer Spezifität von 89 %.

Fazit zu Second Chance

Die App könnte tatsächlich Leben bei einer Opiod-Überdosierung retten. Wie ihr Einsatz außerhalb eines Drogenkonsumraum in einem „Real-life-Setting“ funktioniert ist noch offen. Hierfür sind weitere Untersuchungen notwendig. Die Entwickler arbeiten auch schon an einer Weiterentwicklung der App, bei der die App zunächst die Drogenkonsumenten direkt alarmiert. Reagieren diese nicht, weil sie bewusstlos sind, erfolgt ein autoamtischer Notruf. Auch eine Zulassung bei der FDA streben die Forscher an.

[1] Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung, Oktober 2018

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