Vor knapp zwei Jahren hatten wir hier über die Fingerschiene HERAX berichtet. Diesen Prototypen eines Handtherapieroboters hat das Mainzer Start-up LIME medical nun weiter entwickelt. Daraus entstanden ist AnyHand, eine Innovation, die wir heute näher vorstellen wollen.


Je länger eine Hand immobil ist, desto größer ist das Risiko von dauerhaften Bewegungseinschränkungen. Dass eine geschädigte und in ihrer Funktion beeinträchtigte Hand also so schnell wie möglich nach der Akutbehandlung wieder bewegt werden sollte, ist daher absolut nachvollziehbar. Das Problem ist nur, dass hierzulande ein extremer Mangel an Physiotherapeuten herrscht. Schaut man sich dann noch nach einem Experten um, der auf die Komplexität der Hand spezialisiert ist, wird der Mangel noch viel eklatanter.

Wem nützt AnyHand?

Laut Statistik zum Arbeitsunfallgeschehen 2018 der DGUV (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) gab es knapp 270.000 Handverletzungen.[1] Diese machten damit ein Drittel der im Rahmen von Arbeitsunfällen aufgetretenen Verletzungen aus. Diese Zahlen in Kombination mit dem Therapeuten-Mangel verdeutlichen den großen Bedarf an Innovationen wie AnyHand.

„Wir arbeiten ständig mit unseren Händen, daher kommen Handverletzungen sowohl zu Hause als auch im Beruf nicht selten vor – schon eine Sehnenverletzung beim Zwiebelschneiden kann eine lange Rehabilitation nach sich ziehen. Dazu kommen Schlaganfallpatienten mit einer Handparese, die vor allem von passiver Bewegung profitieren können.“, erfahre ich im Interview mit Désirée Leppla von LIME medical.

Das Anyhand Team © 2020 LIME medical GmbH

Was macht AnyHand so einzigartig?

AnyHand ist ein Therapieroboter, der die Bewegungstherapie in der Nachbehandlung von Handverletzungen ausführt. Das Besondere daran: AnyHand unterstützt die natürliche physiologische Bewegung der Hand in nahezu vollständiger Range of Motion. Das bedeutet, dass mit AnyHand der volle Bewegungsumfang vom Faustschluss bis hin zur Streckung der Hand möglich ist.

Je nach Ursache und Ausmaß der Schädigung ermöglicht AnyHand sowohl das Training als auch die Therapie der geschädigten Hand.

Dank der patentierten und voll automatisierte Größeneinstellung ist die Therapie auf den individuellen Zustand des Patienten personalisierbar. Vor der ersten Therapie misst der Ergo- oder Physiotherapeut mithilfe einer Schablone die Handgröße aus und gibt die Daten in das Gerät ein. Daraufhin wird eine Patientendatei angelegt, und die AnyHand fährt bei jeder Benutzung auf Knopfdruck in die richtige Position. Die AnyHand passt sich dabei selbstständig an die einzelnen Fingerlängen, die Handbreite und die Position des Daumens an, und ist innerhalb 1 Minute startklar.

Anyhand im Einsatz © 2020 LIME medical GmbH

Genial: Über die AnyHand-App wird die Therapie vom Therapeuten konfiguriert und ist so dann auch zu Hause anwendbar. Der Home-Use ist allerdings derzeit noch ein bisschen Zukunftsmusik. Zum Ende des Jahres ist zunächst der Markteintritt von AnyHand für Reha-Praxen bzw. -Kliniken geplant. Aber mittelfristig sollen die Geräte dann auch Patienten für den Einsatz in den eigenen vier Wänden zur Verfügung gestellt werden.

„Die intensivierte Bewegungstherapie durch unsere AnyHand ist eine ideale Ergänzung zur herkömmlichen Handtherapie. Da das Einlegen der Hand nicht viel Zeit in Anspruch nimmt, rentieren sich auch kürzere Einheiten zwischen den Therapieintervallen.“, so Pascal Lindemann, einer der beiden Gründer von LIME medical.

Alle Bewegungen der AnyHand werden gemessen und dokumentiert. Auf diese Weise kann der Verlauf anschaulich dargestellt werden. Über den reinen Informationszweck für Arzt und Therapeut hinaus wird der Patient durch seine sichtbaren Erfolge motiviert und zu weiterem Training angespornt.

Mein Fazit

Lösungen wie AnyHand können und sollen menschliche Therapeuten nicht ersetzen. Aber mit ihnen können die durch den Therapeutenmangel existierenden Therapiepausen ideal überbrückt werden. Patienten gewinnen so zusätzliche, wertvolle Therapiezeit. Umgekehrt bleibt durch den Einsatz von AnyHand mehr Zeit für die Patienten übrig, bei denen die Präsenz eines menschlichen Therapeuten unerlässlich ist.

Schön, wenn eine tolle Idee flügge wird! Die Fingerschiene HERAX hat uns schon begeistert. Aber es freut uns sehr, dass nun aus diesem Prototypen ein marktreifes Produkt geworden ist. In Anbetracht des hohen ungedeckten Bedarfs hat AnyHand aus unserer Sicht definitiv das Potenzial die Patientenversorgung im Bereich der Handtherapie nachhaltig zu verbessern. Wir wünschen dem engagierten Team von LIME medical viel Erfolg!

[1] https://publikationen.dguv.de/widgets/pdf/download/article/3680

Share