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Die Effekte einer gezielten Aktivierung des Vagusnervs sind Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte. Positive Wirkungen erhofft man sich bei unterschiedlichsten Erkrankungen wie zum Beispiel Depression, Epilepsie und Migräne. Ein aktueller Forschungstrend untersucht, ob die Stimulation des Vagusnervs auch chronische Schmerzen bei Menschen mit einer rheumatischen Arthritis lindern kann. Das Start-up Nēsos aus San Francisco/USA hat dazu ein spezielles Device entwickelt, das über das Ohr elektrische Impulse an den Vagusnerv sendet. So soll die Vagusstimulation gegen Rheumaschmerzen helfen.


Bei der Rheumatoiden Arthritis (RA) handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, die ausgelöst wird, wenn das Immunsystem fälschlicherweise gesundes Körpergewebe angreift. Typisch für diese Krankheit sind Schwellungen und Steifheit in den entzündeten Gelenken, die auch mit starken Schmerzen einhergehen. Zu den Behandlungsmöglichkeiten gehören einerseits symptomatische entzündungshemmende Wirkstoffe. Zum anderen werden Medikamente, die ins körpereigene Immunsystem eingreifen und darüber den Krankheitsverlauf beeinflussen, die sog. krankheitsmodifizierenden Antirheumatika, eingesetzt.

Was hat der Vagusnerv damit zu tun?

Der Vagusnerv ist der 10. und längste unserer insgesamt zwölf Hirnnerven. Als Teil des sogenannten Parasympathikus ist er an der Funktion fast jedes inneren Organs beteiligt. Dabei ist er – vereinfacht gesagt – für alles zuständig, was in unserem Körper mit Erholung, Ruhe und Verdauung zu tun hat. Früher glaubten Wissenschaftler, dass das Gehirn und das Immunsystem völlig getrennte Einheiten sind. Neuere Forschungen haben offenbar ergeben, dass die beiden Systeme in ständiger Kommunikation miteinander stehen. Demnach soll das Gehirn das Immunsystem durch spezifische neuronale Netzwerke beeinflussen können.

Mit Vagusstimulation gegen Rheumaschmerzen

Auf Basis dieser Erkenntnisse hat Nēsos ein spezielles Device entwickelt, das auf den ersten Blick wie ein Ohrhörer aussieht. Mit dem Gerät hört man aber nichts, sondern es sendet durch das Innenohr elektrische Impulse an den Vagusnerv und zielt so auf einen Pfad im Gehirn, der die Entzündung kontrolliert.

Anders als beispielsweise bei einem implantierten Herzschrittmacher hat das Device den großen Vorteil, dass die elektrischen Impulse von außerhalb an den Nerv gegeben werden können. Damit wäre dieses Gerät die erste tragbare, nicht-invasive Behandlungsmöglichkeit für eine Störung des Immunsystems. Aber funktioniert die Vagusstimulation gegen Rheumaschmerzen auch?

Pilotstudie zur Vagusstimulation gegen Rheumaschmerzen

Das Device wurde in einer kleinen Pilotstudie getestet, die in der Fachzeitschrift Lancet Rheumatology veröffentlicht wurde. An dieser prospektiven, multizentrischen, offenen, einarmigen Proof-of-Concept-Studie nahmen 30 Patienten*innen im Alter von 18-80 Jahren mit aktiver rheumatoider Arthritis teil, die unzureichend auf konventionelle synthetische krankheitsmodifizierende Antirheumatika (DMARDs) und auf bis zu einem biologischen DMARD (sog. Biologikum) angesprochen hatten. Das Biologikum wurde mindestens 4 Wochen vor Studienbeginn abgesetzt und durfte während der Studie auch nicht verabreicht werden. Alle Teilnehmer*innen wurden für die Verwendung des Geräts, das Impulse von 20 kHz abgab, für bis zu 30 Minuten pro Tag eingeteilt. Die Nachuntersuchungen erfolgten in Woche 1, Woche 2, Woche 4, Woche 8 und Woche 12 nach der Basisuntersuchung. Die Patienten*innen hatten am Ende der Studie eine klinisch bedeutsame Verringerung des DAS28-CRP und erreichten damit den primären Endpunkt.

Mein Fazit

Diese ersten Ergebnisse finde ich schon interessant, weil sie zeigen, dass die nicht-invasive Vagusstimulation gegen Rheumaschmerzen grundsätzlich funktioniert. Allerdings müssen diese Effekte noch in größeren klinischen Studien validiert werden. Erst dann wird sich zeigen, ob dieser technologische Ansatz eine ernstzunehmende weitere Behandlungsoption bei rheumatoider Arthritis sein kann.

Unabhängig von diesem speziellen Gerät zur Vagusstimulation gegen Rheumaschmerzen finde ich die Entwicklungen im Bereich der bioelektronischen Medizin superspannend. Dass diese auch als „Elektrozeutika“ bezeichneten Therapien allerdings Medikamente komplett ablösen, daran glaube ich derzeit nicht. Aber sie erweitern definitiv das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten.

Übrigens: Meine Kollegin Elke hat sich in einem ihrer Beiträge der Thematik „Vagusstimulation“ im Kontext der Migränebehandlung auch schon einmal angenommen. Zum Beitrag

 

 

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