Letzte Aktualisierung: 13. Dezember 2023

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Verletzungen und Erkrankungen des zentralen oder peripheren Nervensystems können zu Bewegungs-, Empfindungs- und Wahrnehmungsstörungen führen. Ziel der Neurorehabilitation ist es, neurologische Funktionsstörungen zu verbessern oder ganz zu beheben. Die vom Heidelberger Start-up living brain entwickelte VR-Technologie will Betroffenen mit kognitivem Training in virtueller Realität eine Rückkehr in ein normales, selbstbestimmtes Alltags- und Berufsleben ermöglichen.

Neurorehabilitation: Patienten*innen mit Erkrankung des Nervensystems

„Die Neurorehabilitation gewinnt rasant an Bedeutung, insbesondere die neurologische Frührehabilitation. Der Grund sind therapeutische Fortschritte in der Neurologie sowie die wachsende Anzahl von Patienten.“, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Neurorehabilitation e.V. (DGNR) auf Ihrer Webseite.

Häufigste Indikationen für eine Neurorehabilitation sind zum Beispiel traumatische Hirnverletzungen (Schädelhirntrauma), Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Hirntumore, Rückenmarkschädigungen, Schlaganfälle, periphere Neuropathien, wie das Guillain-Barré-Syndrom (GBS), als dessen Ursache man eine Autoimmunreaktion vermutet.1 Auch SARS-CoV-2 reiht sich nach neuesten Erkenntnissen in die Reihe der GBS-auslösenden Erreger ein.2

Nach der Akutphase, bei der es darum geht, die wesentlichen Symptome unter Kontrolle zu bringen, wie beispielsweise eine Hirnblutung zu stoppen und ein Blutgerinnsel aus dem Hirn zu entfernen, bleiben die Betroffenen häufig mit kognitiven Beschwerden bzw. Rest- oder Folgeschäden – wie zum Beispiel Paresen, Spasmen, Gleichgewichtsstörungen, dem Verlust der Fähigkeit zu essen und zu trinken, sich zu be- und entkleiden, zu waschen, zu sprechen, zu verstehen oder zu orientieren – zurück.

Neurologische Ausfälle lindern: die Neurorehabilitation

In der Neurorehabilitation wird darauf hingearbeitet, die o.g. neurologischen Ausfälle bzw. Folgeschäden zu lindern, im Idealfall zu beheben, um so die Selbstständigkeit der Patienten*innen wieder herzustellen, die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern und eine Rückkehr in den Alltag zu ermöglichen.

Das Behandlungsspektrum in der Neurorehabilitation ist so vielfältig wie verschieden. Eine zukunftsweisende Methode ist die vielfach ausgezeichnete Idee der living brain GmbH, die auf virtueller Realität und psychologischer Lernstrategie basiert.

Kognitives Training in virtueller Realität (VR)

Im Gegensatz zu herkömmlichen, eher abstrakten und theoretischen Methoden, müssen Patienten*innen bei der von living brain entwickelten VR-Technologie teora© mind nicht mehr lebensferne Zahlen- und Buchstabenkolonnen lernen und auf Papier notieren oder Kinderbilder beschreiben. Sie setzen „einfach“ eine VR-Brille auf und trainieren mit dieser alltagsnahe Situationen in sicherer, unfallfreier Umgebung. Einkaufen gehen, den Küchenherd bedienen, Kaffee kochen oder Gemüse pflanzen und ernten.

Die auf medizinisch-psychologischer Forschung basierende Trainingssoftware ermöglicht ein ortsunabhängiges, im Schwierigkeitsgrad individuell adaptierbares und abwechslungsreiches kognitives Training. Mittels 3D-Gestaltung werden Alltagsaktivitäten wirklichkeitsgetreu veranschaulicht, was positive Effekte hinsichtlich Motivation und Lerntransfer erzielen kann. Die Patienten*innen können die Übungen in der VR so oft wiederholen, bis sie sich wirklich sicher fühlen. Die Übungen können sitzend oder laufend durchgeführt werden. Ein Recalling-System stellt die stetige Arzt-Patient-Verbindung sicher. Die Anwendung besteht im Gesamtpaket aus VR-Brille und Tablet.

Barbara Stegmann, Gründerin und CEO von living brain, beschreibt die Idee ihres Start-ups sehr schön in einem Interview mit den Kultur- und Kreativpiloten: „Stellt euch vor, ihr steht vor einer Kaffeemaschine und wollt euch einen Kaffee machen. Da denkt ihr nicht darüber nach, wie ihr euch einen Kaffee macht. Menschen mit Handlungsplanung jedoch stehen vor der Kaffeemaschine und wissen, sie möchten sich einen Kaffee machen, aber sie wissen nicht mehr, was sie zuerst machen sollen und wie sie sich einen Kaffee machen können … living brain stellt diese Szenarien in der sicheren virtuellen Realität nach.“

Sonderausgabe 2 von „Die gute Idee“, 15. Juli 2020

Wer lieber einen Podcast hört, dem sei dieser hier empfohlen, in dem Julian Specht, Gründer und CEO des Start-ups, über die Technologie für kognitive Rehabilitation bei neurologischen Erkrankungen spricht ⇒ Visionaere Gesundheit

Mein Fazit

Mit Hilfe virtueller Realität werden spielerisch kognitive Beeinträchtigungen von Menschen mit neurologischen Erkrankungen behandelt. Wo heute noch Stift und Papier das gängige Trainingsmedium sind, geht das Start-up in der Neurorehabilitation neue Wege. Wie häufig ist auch hier eine persönliche Geschichte Anreiz und Auslöser, die Rehabilitation nachhaltig zu verändern.*

Die alltagsnahe Rehabilitation benötigt dringend ortsunabhängige, spielerische Übungen, damit der Alltag trainiert werden kann. Da die Nutzung der VR-Brille unabhängig von Therapieterminen und -räumen, starrem Equipment oder Computern erfolgt, kann ein Training unkompliziert gestartet werden. So können Patienten schon in der Wartezeit auf eine Reha mit dem Training beginnen.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen Vater, der nach doppelter Schädelfraktur mit den Symptomen Verwirrtheit und Desorientierung, Wahrnehmungsstörungen und emotionalen Störungen in die Neurorehabilitation ging. Er war völlig entsetzt über die „kindischen Bilder“, die ihm vorgelegt wurden. Er sei doch nicht irre, hat er zu mir gesagt, und dementsprechend jegliche Therapie innerlich abgelehnt. Hier hätte eine moderne Technologie wie die Virtual Reality Technologie definitiv geholfen und seine Motivation gefördert. Deshalb: Daumen hoch für diese Entwicklung und Daumen drücken, dass teora® mind bald in die Release Phase übergeht und damit allen Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen angeboten werden kann.


Update, Juli 2022: living brain sichert sich eine siebenstellige Kapitalerhöhung in einer Seed-Finanzierung.

Die Summe erhielt living brain über das Privatinvestorennetzwerk Companisto, binnen weniger Wochen beteiligten sich über 600 Privatanleger:innen. Zusätzlich dazu beteiligten sich die beiden Investorinnen Ina Schlie und Dorit Posdorf des Netzwerks encourageventures.

„Das neue Kapital ermöglicht uns jetzt, weiter in das Produkt zu investieren, um es flächendeckend und nachhaltig in
die Versorgung zu integrieren, es Behandler:innen und Patient:innen zur Verfügung zu stellen, und damit noch mehr Menschen auf ihrem Weg zurück in ihren Alltag zu unterstützen. …“, sagt CEO Barbara Stegmann.

Quelle: Pressemitteilung living brain, 11072022


Meine Kollegin Carolin hat übrigens schon mehrfach zum Thema VR in der Medizin gebloggt. So zum Beispiel zum Thema Neuroplastizitätstraining in der Therapie oder ANDERS VR ermöglicht virtuelle Ausflüge


1 https://www.msdmanuals.com/de-de/heim/st%C3%B6rungen-der-hirn-,-r%C3%BCckenmarks-und-nervenfunktion/erkrankungen-der-peripheren-nerven-und-verwandte-erkrankungen/guillain-barr%C3%A9-syndrom-gbs

2 https://dgn.org/presse/pressemitteilungen/sars-cov-2-kann-das-gefuerchtete-guillain-barre-syndrom-ausloesen/

*Julian selbst litt, seitdem er 10 Jahre alt war, an Epilepsie. Mit 20 Jahren entschloss er sich zu einer Operation am Gehirn. Das Risiko für kognitive Einschränkungen war dabei relativ hoch. Im Podcast ab Minute 4:00 erzählt er, wie er damals mit seinen Ärzten zum ersten Mal über die Möglichkeiten der neurologischen Rehabilitation gesprochen hat – mit dem unbefriedigenden Ergebnis, dass es nur veraltete und unzureichende Reha-Möglichkeiten gab. Julian hatte Glück, seine OP glückte und er hatte keine neurologischen Ausfälle. Dennoch ließ ihn die fehlende Möglichkeit der Neuroreha nicht mehr los.

 

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